Auf Augenhöhe

Aktuell:
– AUF AUGENHÖHE –
Eine Ausstellung in den Räumen des Atelierhauses Sigmaringer1art.

Samstag, den 1.6.2013 von 13-20 Uhr
und
Sonntag, den 2.6.2013 von 13-20 Uhr

Teilnehende Künstler:
Munir Alubaidi | Theresa Beitl | Ludwig Dinnendahl | Carola Czempik | Michaela Habelitz | Happenstudio | Jürgen Kellig | Miran Kim | Ronald Koltermann | Betina Kuntzsch | Elisabeth Leyde | Angelika Middendorf / MID-LAB ­|+ STRINGs& Bach ­ Ginkgo Biloba ­ Fang-Wei Chang ­ Bei Yan Dai ­ Hiang Oey ­ Maria Cruz ­ Marisa Maza ­ Andreas Schimanski ­ Waltraut Tänzler ­ Jan St. Werner ­ Shirin Homann-Saadat ­ Rosa Barba ­ Heimo Lattner ­ Rommelu Yu ­ Fraxinus Excelsior ­ … | Annette Polzer  | Bassirou Sarr | Josias Scharf | Inga Scharf da Silva | Michail Schnittmann | Stefan Schröter | Giorgi Tchkhaidze | Tian Tian Wang | Herma Wittstock  |  Barbara Zirpins

Gefördert durch die Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten und bbk-berlin.

Konzept und Pressetext von
Inga Scharf da Silva:

Die langen Korridore sind mit Bildern auf Augenhöhe bestückt, in einer langen Linie nebeneinander angeordnet, symbolische Gleichwertigkeit einfordernd. Gleichwertigkeit zwischen den Künstlern und gegenüber unseren Mitmenschen. Jedes Bild/Objekt unterliegt einer Sonderkondition, aber nur an diesem Tag. Danach werden sie wieder ins Gesamtwerk einer jeden Künstlerin und eines jeden Künstlers integriert und verändern ihre Wertigkeit.

Aber wo ist diese Ebenbürtigkeit? Muss sich ein großer Mensch bücken, ein kleiner den Hals recken? Sagt dieses soziale Verhalten einem körperlichen und damit raumeinnehmenden Begriff „Auf Augenhöhe“ gegenüber etwas über die Wertigkeit der Bilder und unsere Wertmaßstäbe aus, über Distanz und Nähe von Kunst zum Menschen? Was ist das Maß der Dinge? Maß und Maßlosigkeit als zwei Seiten dergleichen Medaille für eine „Maß haltende“ Gemeinschaft, die sich auf das Wesentlichste reduzieren möchte und unsere Ateliers für die Bürokratie austauschen will und der Maßlosigkeit an sozialer Dummheit?

Wenn wir unsere Bilder wie Kleidung betrachten, die wir nicht nur als Schutz vor der Kälte tragen, sondern auch als eine „soziale Haut“ fungieren, dann sind sie als Gesamtheit als ein Apell an die Bedeutung von Kunst in unserer Gesellschaft gedacht.

Die Türen der Ateliers sind wie bei allen vorangegangenen und bereits legendären und stets gut besuchten Tagen der offenen Ateliers unseres Atelierhauses Sigmaringer1art des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) in Wilmersdorf den Besuchern als Ein- und Zugang zu den persönlichen Kunstwelten der jeweiligen Künstlerinnen und Künstler offen. Es wird hoffentlich wieder viel geredet, beschrieben und diskutiert, Salzstangen geknabbert und Wein getrunken. Vielleicht treffen wir uns nicht nur im Dialog, der so schön für die Seele und den Geist ist, sondern im Brecht’chen Sinne1 auch in der Achtung der Wertigkeit unserer Bilder „auf Augenhöhe“.

So beschäftigen sich meine Bilder mit Menschenbildern, also mit ihren Gefühlen gegenüber Stereotypen und Zuschreibungen, ihren Befreiungen und der Frage, was sich durch ein Ausdruck oder eine Mimik im Gesicht wirklich zeigen lässt und was unsichtbar bleibt. Es gibt für mich kein Leitbild, sondern viele verschiedene Menschenbilder, wie es Kwame Appiah in seiner Philosophie des Weltbürgertums ausdrückt, indem er den Kosmopolitismus nicht als Lösung, sondern als Herausforderung formuliert.2

Das Atelierhaus Sigmaringer1art zeichnet sich durch die Anwesenheit von verschiedensten Kulturen und Sprachen aus, Schrift- und Bildsprachen. Wir kommen aus Brasilien, Georgien, Senegal, Irak, Süd-Korea, China, Schwabenland und Berlin. Homi Bhabha würde unser Haus soziologisch womöglich als einen „Dritten Raum“ bezeichnen, als eine paradoxe Gemeinschaft des Blickwechsels zwischen „eigen“ und „fremd“, der die traditionellen binären Oppositionen wie Zentrum und Peripherie, Identität und Alterität, dunkel und hell aufbricht und die Prozesse der Übertragung und Übersetzung bei gleichzeitiger Bewahrung der eigenen Positionen beschreibt. Oder, in den Worten von Christian Morgenstern in seinem Gedicht über einen Lattenzaun, „mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“ (wer wie ich das Gedicht aus seiner Schulzeit kennt, weiß, dass es damit endet, dass der ihn Senat einzog…!, den Zwischenraum…).

Inga Scharf da Silva

Künstlerin des Atelierhauses Sigmaringer1art, Atelier 492

Doktorandin der Bildwissenschaften, Universität Bonn

1 „Es macht ihn ein Geschwätz nicht satt, das schafft kein Essen her!“, zitiert aus dem Lied „Und weil der Mensch ein Mensch ist“ von Berthold Brecht.

2Kwame Anthony Appiah: Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums. München 2007:13f. (Original 2006: Cosmopolitanism. Ethics in a world of strangers.

 

Zur drohenden Schließung von UCW und Atelierhaus:
Berliner Tagesspiegel 8.4.2013 >
http://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-kultur-ateliers-raus-amtszimmer-rein/8030564.html

Berliner Abendschau 11.4.2013 >
www.rbb-online.de/abendschau/archiv/archiv.media.!etc!medialib!rbb!rbb!abendschau!abendschau_20130411_bvv.html